Nachhaltigkeit?
(Beitrag zur
Tab Parade)
Gerade habe ich für meine Team-Kollegin Eva den Artikel
"Nicht nur die Maus hat Tasten" kontrolliert und freigeschaltet, als mir der schon
länger geplante Artikel über den im Jahr 2004 BIENE-prämierten Webauftritt der
Postbank einfiel.
Ich hatte die aus sicherer Quelle stammende Information erhalten, dass ohne aktiviertes JavaScript ein Login in den Bereich Online-Banking nicht möglich wäre.
Die Postbankkundin schrieb mir in einer Mail dazu folgendes:
Zitat:
"Das Bild zeigt den Bildschirm ohne JS. Er sieht genau so aus wie mit JS. Allerdings reagiert der Anmeldebuttom ohne JS in keiner Weise. Auf dem Bildschirm passiert gar nichts, keine Fehlermeldung, nichts nichts, nichts."
Nun ist diese Information schon einige Wochen alt und ich stelle aktuell fest, dass zumindest der Anmeldebutton auch ohne JavaScript reagiert - auch wenn ich mich als Nicht-Kunde natürlich nicht wirklich einloggen kann. Aber das wäre eine andere Baustelle…
Tab-Tab-Tab
Vor diesem Hintergrund und das Tab Parade-Thema im Sinn schaute ich mir sogleich den Webauftritt der Postbank an. Als BIENE-Preisträger 2004 sollte dieses Portal ja vorbildlich sein.
Dachte ich.
Portalseiten großer Unternehmen sind bekanntlich problematisch, wenn es um die Unterbringung vieler Themen, Dienstleistungen und Angebote auf der Startseite geht. Dass es eher kontraproduktiv ist, den Webbesucher gleich zu Beginn mit Inhalten, Informationen und Eye Catcher in großer Anzahl zu überfallen, hat sich bei Marketing-Experten noch nicht herumgesprochen. Schade…
86 Links auf der Startseite - da macht es Sinn, sich über Reihenfolge (Linearisierung), über Erreichbarkeit und Nutzbarkeit unter den verschiedensten Bedingungen Gedanken zu machen.
Mein Hauptaugenmerk galt nun aktuell der Möglichkeit, sich per Tab-Taste durch den Link-Wust zu bewegen. Aber da waren Sie wieder die Probleme, die Eva Papst im genannten Beitrag beschrieben hat.
Die Sprunglinks, zudem wenig sinnvoll angeordnet, werden nicht sichtbar. Damit sind sie für sehende Nutzer nicht nutzbar. In diesem Moment hat man keine Orientierung, wo man sich aktuell mit der Tab-Taste befindet. Einige Links bekommen lediglich den kaum sichtbaren Standardrahmen, den die Browser setzen. Eine wirkliche Orientierung ist damit nicht möglich.
Plötzlich, man erwartet es schon nicht mehr, gut sichtbare Hervorhebungen.
Doch die Freude ist von kurzer Dauer. Schon verschwindet der Focus wieder in den unendlichen Weiten des Inhaltsbereiches.
42 mal Tab
Nach 42 mal TAB gelange ich zur Navigation. Auch hier vergebe ich die Note "ungenügend".
Der Focus wird zwar - vielleicht um der Regel Willen - mit einer Hintergundfarbe "sichtbar" gemacht, doch der Unterschied zwischen #E9ECF3 und #FFF - also ein angehauchtes hellgraublau auf sattem Weiß - ist auch für den Normalsichtigen nicht gerade auffällig. Der Contrast Analyser vergibt hier 4 rote Kreuze - durchgefallen!
Nun, wer blind ist, mag sich ja vielleicht mit Hilfe seines Hilfsprogramms durch die Überschriftenhierarchie tabben.
Fehlanzeige. Bezüglich der Überschriften ist das Angebot ebenfalls wenig bis nicht strukturiert.
Kollektives Wissen
Die vielen fachlich fundierten Beiträge in Blogs oder anderen Web-Publikationen zeigen, dass es durchaus inzwischen ein kollektives Wissen um die Schwerpunkte in der Barrierefreiheit gibt. Doch wo findet dieses Wissen Anwendung?
Ohne Zweifel, es gibt inzwischen viele Webprojekte, die den Anforderungen an Zugänglichkeit und Benutzbarkeit genügen, aber zu wenige. Und die wenigen werden nicht in ausreichendem Maße bekannt gemacht oder gewürdigt. Sie gehen als Selbstverständlichkeit in den Weiten des Webs unter.
Falsche Signale
Seit Jahren wird von Accessibility-Experten bemängelt, dass die Vergaberichtlinien für den BIENE-Award falsch oder zumindest nicht zielführend sind. Speziell für den Wettbewerb aufbereitete Projekte großer, angeblich öffentlichkeitswirksamer Unternehmen und Agenturen werden hochgeputscht und bejubelt.
Einen nachhaltigen Einfluß auf die Entwicklung der Barrierfreiheit im Web scheinen diese aber nicht zu haben und mit der Nachhaltigkeit bei den Projekten selbst scheint es auch nicht weit her zu sein.
Schaut man sich im Web um, kann man nicht glauben, dass der BIENE-Wettbewerb wirklich einen positiven Einfluß auf die Webentwicklung hat.
Das wird sich auch nicht ändern, wenn man auf Projekte setzt, die nur dem Ziel dienen, einen Preis zu erhalten und damit kostenfreie Werbung zu ergattern. Was danach kommt, scheint oft egal zu sein.
Das ist Barrierefreiheit mit Ablaufdatum, wie das 2003 prämierte Angebot der Polizei in NRW zeigte oder wie es jetzt an der Postbank sichtbar wird.
Mein Vorschlag:
Es kommen nur solche Webprojekte in die Wertung die nachweislich seit mindestens drei Jahren barrierefrei betrieben werden und bei denen es offensichtlich ist, dass Barrierefreiheit auch "gelebt" wird.
Autor: Peter Kammerer
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