Vorteile für Nutzer und Anbieter
Am Beginn des vorangegangenen Beitrages stand die Frage, ob das Publizieren von gut zugänglichen, brauchbaren, benutzbaren und verständlichen Web-Projekten nur eine Modeerscheinung ist oder ob nicht doch gewisse Zweckmäßigkeiten oder Notwendigkeiten dahinter stehen.
Es ist vorstellbar, dass je nach Geisteshaltung die Antworten darauf sowohl bei Web Workern als auch bei Anbietern von Web-Angeboten unterschiedlich ausfallen können.
Wem bestehende HTML-Standards genauso egal sind wie die Besucher eines Web-Auftritts mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, wird eventuell über die Bemühungen, das Netz für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen, müde lächeln.
Wer jedoch dem Thema aufgeschlossen gegenübersteht, wird möglicherweise nach Argumenten suchen, welche das Publizieren von Web-Angeboten in gut zugänglicher und verwertbarer Form nützlich erscheinen lassen.
Eine Frage - viele Antworten
Stellt man die Frage nach dem Nutzen barrierefreier und standardkonformer Web-Seiten, sollte man keine Antwort erwarten, die sich in einem kurzen Satz unterbringen lässt.
Selbst im Kreis der Kollegen, die sich tagtäglich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen - national wie international - ist man sich nicht so ganz einig, welche Argumente wohl am besten überzeugen.
Hinzu kommt, dass die Sicht auf die Dinge durchaus auch unterschiedlicher Natur sein kann.
Ist jemand gewerbsmäßig Anbieter von Web-Dienstleistungen und damit für die Erstellung von Web-Projekten zuständig, wird dies sein Hauptgeschäftsfeld und vermutlich auch seine Haupteinnahmequelle sein.
Bei Anbietern von Web-Inhalten oder Online-Dienstleistungen kann die Web-Präsenz lediglich der Information / Präsentation dienen, kann mittels Online Shop eine zusätzliche Umsatzquelle sein, aber auch das Zentrum der beruflichen Tätigkeit darstellen.
Die Gründe, etwas zu tun oder zu unterlassen, können also sehr unterschiedlich sein.
Web Worker, Agenturen und Hobbybastler
Ohne sie gäbe es keine Web-Seiten - weder zugängliche, noch unzugängliche. Die Grenzen zwischen Web Worker, Agentur und Hobby-Web Designer sind oft verschwommen, die Arbeitsergebnisse häufig nicht zu unterscheiden - im Positiven wie im Negativen.
Was könnte also einen Webdienstleister veranlassen, seinen Arbeitsstil zu ändern?
Das Erstellen von standardkonformen, gut zugänglichen und benutzbaren Web-Projekten erfordert ein hohes Maß an Fachwissen und Erfahrung. Ohne ständigen Kontakt zu Kollegen und Gleichgesinnten, ohne ständigen Erfahrungsaustausch über aktuelle Entwicklungen im Web sind dieses Fachwissen und diese Erfahrungen nicht zu erlangen.
Kenntnisse über die Standards im Bereich HTML und CSS (w3c-Standards) sowie deren strikte, richtige und sinnvolle Anwendung sind Grundvoraussetzung. Auch die praxisgerechte, dem Nutzer dienende Anwendung von interaktiven Elementen mittels Programmiersprachen, muss erlernt werden. Nicht alles, was möglich und umsetzbar ist, stellt auch einen Mehrwert für den Web-Besucher dar. Unüberlegt eingesetzt, kann es sogar die Zugänglichkeit und Benutzbarkeit einschränken.
Die bisher genannten beispielhaften Probleme waren eher technischer Natur.
Aber auch bei der Gestaltung von Web-Seiten, beim Entwurf des Layouts, sind eine ganze Reihe von Dingen zu beachten, die im Zusammenspiel erkennen lassen, ob jemand sein Handwerk versteht.
Wer dann auch noch in der Lage ist, seine Web-Projekte so zu erstellen, dass die Inhalte durch Nutzer mit Behinderungen mittels unterstützender Technologien (Spezialgeräte und Spezialprogramme) erreichbar sind, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit einen langen Lernprozess hinter sich.
Fazit:
Web-Seiten, die standardkonform, zugänglich und auch weitgehendst barrierefrei sind, dokumentieren ein hohes Fachwissen des Erstellers. Sie zeugen gleichsam davon, dass sich der "Macher" mit den Bedürfnissen vieler unterschiedlicher Nutzergruppen auseinandergesetzt hat.
Es bedarf eines Mindestmaßes an sozialer Verantwortung und Willen, den Integrationsprozess von benachteiligten Menschen zu unterstützen, denn der dazu erforderliche Lern- und Zeitaufwand sind freiwillig erbrachte Leistungen, die man nicht eben so nebenbei erledigt.
Qualität und Geisteshaltung können so zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber der Masse der Anbieter von Webdienstleistungen werden.
Neben den möglichen wirtschaftlichen Vorteilen für den Dienstleister selbst, liegt der Nutzen auch in einem bescheidenen Beitrag zur Qualitätserhöhung der Web-Angebote insgesamt und in der besseren Berücksichtigung der Bedürfnisse unterschiedlichen Nutzergruppen, hier besonders von Menschen, die mit unterschiedlichsten Behinderungen leben.
Eine sehr eindrucksvolle Demonstration des Nutzens von Web-Projekten, welche barrierefrei sind und sich an den Webstandards orientieren, ist im übrigen der von der Zeitschrift c't ins Leben gerufene Wettbewerb zum Thema "Hommingberger Gepardenforelle barrierefrei".
Was Web Designer bewegt, barrierefreie Seiten zu gestalten:
Heise-Ticker: Jagd auf die Gepardenforelle.
Der etwas andere Blickwinkel.
Barrierefreies Internet - zwischen Notwendigkeit und Vision.
Anbieter von Web-Inhalten
Die Liste derjenigen, die Inhalte zu den verschiedensten Themen im Web publizieren, ist lang.
Sie reicht von großen Unternehmen, über mittelständische Firmen, Gewerbetreibende und Freiberufler, Vereine und Organisationen bis hin zu Einzelpersonen. Dazu kommen die Anbieter von Dienstleistungen mit öffentlichem Interesse, Ämter und Behörden sowie Parteien.
Sie alle vereint ein Ziel:
Sie möchten, dass ihre Informationen oder Online-Dienstleistungen möglichst viele Besucher erreichen und von möglichst vielen Besuchern genutzt werden. Als zufriedene Besucher sollen diese zudem immer wieder auf den Web-Seiten vorbeischauen.
Zugänglich und standardkonform erstellte Webprojekte berücksichtigen diese Wünsche.
Einige Beispiele:
- Die Umsetzung der internationalen Web-Standards für HTML und CSS schafft Zukunftssicherheit, wirkt sich positiv auf die Browser-Kompatibilität aus und ist Grundvoraussetzung für alle weiteren Maßnahmen in Richtung Zugänglichkeit und Benutzbarkeit.
- Die strikte Trennung von Inhalt und Gestaltungsmitteln gewährleistet auch mit alternativen Programmen (Text-Browser, Sprachsysteme) oder speziellen Geräten (Braille-Zeile) den Zugang zu den angebotenen Inhalten.
- Die Strukturierung der Inhalte wirkt positiv auf die Zugänglichkeit, Bedienbarkeit und Verständlichkeit von Webangeboten.
- Die nach den Regeln der Zugänglichkeit und Benutzbarkeit erstellten Webseiten werden in der Regel einen bedeutend kleineren Dateiumfang haben und lassen sich so schneller zum Nutzer übertragen.
- Im Sinne guter Benutzbarkeit gestaltete (formatierte) Texte lassen sich leichter lesen.
- Eine verständliche und leicht nachvollziehbare Navigation erleichtert den Zugang zu den Projektinhalten.
- Standardkonform und zugänglich gestaltete Seiten werden durch die Suchmaschinen besser indiziert und erreichen gute Platzierungen in den Trefferlisten.
Wenn also Ihre Besucher erst nach Stunden merken sollten, dass sie sich immer noch auf Ihren Web-Seiten aufhalten, hätten Sie Ihr Ziel erreicht.
Fazit:
Zugänglich und standardkonform gefertigte Web-Seiten erhöhen die Qualität des Web-Angebotes und sind für die überwiegende Zahl der Besucher besser erreichbar und benutzbar. Durch Reichweitenerhöhung und Berücksichtigung verschiedener Nutzerinteressen können neue Kundengruppen erschlossen werden. Dies kann zu wirtschaftlichen Vorteilen für den Web-Anbieter gegenüber Mitbewerbern führen.
Durch die Entscheidung, das Web-Angebot barrierefrei zu gestalten (oder gestalten zu lassen), dokumentiert der Anbieter Weitsicht und Respekt vor seinen Besuchern. Er fördert den Integrationsprozess von Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen in die Kommunikationsgesellschaft und kommt damit seiner sozialen Verantwortung nach.
Lesen Sie zum Thema auch den Beitrag von Gerhard Gruber
Wider die Geschäftemacherei mit sozialem Antlitz!
Wirtschaft und Soziales
Die Vorteile barrierefreier Seiten nur am wirtschaftlichen Nutzen zu messen oder nur als soziale Aufgabe zu sehen, wäre falsch und führt nicht zum Ziel. Vielmehr sind beide Bereiche als Einheit zu betrachten.
Die immer bessere Integration von Menschen mit Behinderungen in das öffentliche Leben und die Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sind als Fortschritt gesellschaftlicher Entwicklung zu sehen.
Dass Fortschritt jedoch nicht ganz zum Nulltarif zu haben ist, wird jedem einleuchten. Dies trifft auch auf die Erstellung von Webprojekten zu.
Wirtschaft
Allerdings ist es falsch zu glauben, dass qualitätsgerecht erstellte Webprojekte teurer sind.
Vielmehr ist es so, dass einige Web-Dienstleister für vergleichbares Geld eine Minderqualität anbieten, die eigentlich nicht zu tolerieren ist.
Standardkonforme und gut strukturierte Seiten bieten von sich aus schon ein hohes Maß an Zugänglichkeit. Nur dort, wo bestimmte Kriterien der Barrierefreiheit gefordert oder gewünscht werden, können Mehrkosten entstehen.
Es wäre also Unsinn, Zugänglichkeit und Benutzbarkeit als Qualitätsmerkmal mit dem Hinweis "zu teuer" abzulehnen.
Soziales
Es wäre aber genauso falsch, Barrierefreiheit im Web als sozialen Auftrag zu betrachten und dies flächendeckend "koste es, was es wolle" einzufordern.
Vielmehr muss der Wille zur Barrierefreiheit auf einer persönlichen Grundhaltung basieren. Verständnis und Achtung gegenüber Mitmenschen, gepaart mit dem Blick für die Realität sind in Sachen Barrierefreiheit gute Ratgeber.
Zugängliche Web-Angebote nutzen zunächst einmal allen!
Außerdem sind Menschen, welche mit Behinderungen leben, nicht weniger intelligent und auch nicht hilflos. Ihre Bedürfnisse zu überschätzen kann sie genauso verletzen, wie deren Missachtung.
Weiterführende Informationen:
BWL = BWL? Ein Wortspiel in Sachen Ökonomie.
Hommingberger Gepardenforelle.
Warum man sich an Webstandards halten sollte
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