Lesen und Verstehen
In diesem Beitrag soll es auch um die Sprache gehen.
Dabei setzen wir voraus, dass die Inhalte gut strukturiert und die logischen Auszeichnungen entsprechend ihrer semantischen Bedeutung vorgenommen wurden.
Allein damit ist aber die Wahrnehmbarkeit und Verständlichkeit der Inhalte noch nicht gesichert.
Einfache Sprache
"Wurden unmittelbar vor der Geburt eines der unter Ziffer 4 genannten Kinder oder während der aufgeführten Erziehungszeiten für eine von Ihnen in der Bundesrepublik Deutschland ausgeübte Beschäftigung oder Tätigkeit aufgrund einer Ausnahmevereinbarung im Sinne des über- und zwischenstaatlichen Rechts (Verordnung EWG, Sozialversicherungsabkommen) Pflichtbeiträge zur deutschen Rentenversicherung nicht gezahlt?"
Können Sie bereits nach einmaligem Lesen dieser Frage sofort darauf antworten, oder müssen Sie diesen Text mehrmals lesen?
Dieser Text aus einem Fragebogen der Bundesanstalt für Arbeit fiel mir eher zufällig beim Schreiben des Beitrages in die Hände. Ich bin mir sicher, dass andere Fragebögen, Gesetzestexte oder Verordnungen noch unverständlichere Formulierungen enthalten.
Selbst für durchschnittlich intelligente Menschen sind solche Texte schwer verdaulich. Nur mühsam erschließen sich Inhalt und Sinn. Noch bevor das Textende erreicht ist hat man den Anfang vergessen. Texte dieser Art entsprechen nicht dem allgemeinen Sprachgebrauch. Lesen und verstehen fallen uns schwer.
Was können wir also tun, damit man die im Web veröffentlichten Texte besser versteht?
Siehe auch:
Für alle verständlich?.
Schreiben für das Netz
Arbeitet man die Beiträge zum Thema durch, wird schnell klar, dass das Verfassen von Texten für das Web eine ernsthaft zu erlernende Aufgabe ist. Ich bin mir daher sicher, in diesem Projekt nicht alles berücksichtigt zu haben, was es an grundsätzlichen Dingen zu beachten gäbe.
Die allgemeinen Anforderungen an Texte für das Web sollen aber an dieser Stelle nicht im Vordergrund stehen. Vielmehr möchte ich aufzeigen, was aus Sicht der Barrierefreiheit für die Verständlichkeit der Texte getan werden kann.
Die Entscheidung, wie Texte zu gestalten sind, hängt von der Hauptzielgruppe und dem behandelten Thema ab.
Fachlich orientierte Beiträge, die sich möglicherweise nur an eine spezielle Berufsgruppe wenden, können und müssen anders formuliert werden, als Web-Inhalte, welche sich an die Allgemeinheit richten.
Dabei ist zu unterscheiden, ob es sich um sehr allgemeine Informationen oder um für die Allgemeinheit wichtige Informationen handelt.
Öffentliche Dienstleistungsangebote sowie kommunale und politische Web-Angebote sind für die Bürger in der Regel bedeutsame Inhalte. Dem Web-Auftritt eines Taubenzüchtervereins ist diese herausragende Bedeutung sicher nicht beizumessen.
Web-Inhalte, welche sich an die Allgemeinheit richten, müssen auch durch die Allgemeinheit verstanden werden. Das bedeutet, im Rahmen der inhaltlichen Möglichkeiten alle Nutzergruppen zu berücksichtigen.
Menschen mit Lernbehinderung und Leseschwäche sind solche Nutzergruppen. Aber auch Besucher, für welche Deutsch nicht Muttersprache ist, gehören dazu.
Besonders Web-Angebote der öffentlichen Einrichtungen, Verwaltungen und Behörden müssen durch geeignet aufbereitete Texte die Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen.
Sie auch:
Einfache Sätze
Zur Verständlichkeit von Inhalten gehört, dass die Texte leicht lesbar und leicht verständlich angeboten werden.
Lange Sätze mit kompliziertem Satzbau erfüllen diese Anforderung in der Regel nicht. Einfache Satzstrukturen sind zu bevorzugen. Jeder Satz sollte nicht mehr als 12 Wörter enthalten.
Auch eine bildhafte Sprache kann die Verständlichkeit verbessern.
Die Behandlung nur eines Gedanken pro Satz oder Absatz unterstützt die schnelle Verarbeitung und Verinnerlichung des gelesenen Textes.
Ergänzend dazu:
BIK-Test: Einfache Sätze.
Einfache Wörter
Die Forderung nach angemessener Einfachheit betrifft auch die Auswahl des verwendeten Wortschatzes.
Kurze und allgemein gebräuchliche Wörter verbessern die Verständlichkeit der Texte. Dies betrifft insbesondere die Angebote öffentlicher Einrichtungen, also Inhalte, die für die Allgemeinheit von Bedeutung sind.
Es gibt viele Fremdwörter, die inzwischen zur Umgangssprache gehören und verstanden werden. Weniger gebräuchliche Fremdworte sollten vermieden werden. In fachorientierten Texten wird das oft nicht möglich sein. In diesem Fall sind Erklärungen oder ein projektinternes Glossar nützlich.
Auch Fachbegriffe können die Verständlichkeit vermindern. Aber Vorsicht: Ein übertriebener Hang zur Einfachheit kann auch genau das Gegenteil bewirken:
Was stellen Sie sich unter einer persönlichen tragbaren Elektronenrechenmaschine vor?
Benutzen Sie ein Programm für die Anfrage und Darstellung von Informationen in einem Netz von Dokumenten, die mit einer Kennzeichnungssprache hergestellt und mit einander verbunden sind?
Fahren Sie in einem Automobile mit Zerknalltreibling und haben etwa dabei ein Funktelefon am Ohr? Wie schnell übersieht man so die Funkmessgerätefalle und kann durch den Effekt des Gleitens über Wasser mit seinem fahrbaren Untersatz eine Schleife fahren...
Sie finden die Beispiele übertrieben? Dann schreiben Sie mir eine elektronische Post. Aber bitte nicht mit einem Rückwähler im Beipack.
Im Laufe der Zeit wandelt sich die Umgangssprache. Das ist cool. Und so findet manch einer die eigentlich heiße Braut echt kühl.
Aber auch hier Vorsicht: Nicht immer ist die Verwendung althergebrachter Ausdrucksweisen verständlicher, wenn sie kaum noch im Alltag benutzt werden.
Redewendungen gehören auch zu Formulierungen, die sehr schnell falsch verstanden werden können. Besonders dann, wenn sie, in eine andere Sprache übersetzt, keinen oder sogar entgegengesetzten Sinn ergeben.
Ergänzend dazu:
Abkürzungen
Nicht nur die deutsche Sprache leidet am "Aküfi" - am Abkürzungsfimmel. Dennoch muss man eingestehen, dass Abkürzungen auch ihre Berechtigung haben.
Abkürzungen aller Art sollten sparsam und mit Vorsicht eingesetzt werden.
Unterscheiden Sie zwischen den allgemein üblichen und daher bekannten Abkürzungen, und Abkürzungen, die nur in bestimmten Fachbereichen - und Berufsgruppen üblich sind.
Überlegen Sie, ob es nicht sinnvoll ist, statt der Abkürzung den Volltext zu schreiben. Nicht jeder kennt die oft sehr fachspezifischen Abkürzungen. Zudem sind manchmal Mehrfachdeutungen möglich.
Um den Text dadurch nicht unnötig aufzublähen und vielleicht wieder unverständlich zu machen, kann beim ersten Auftreten der Volltext verwendet werden. Setzen Sie die Abkürzung in Klammern dahinter. Im weiteren Text verwenden Sie dann nur die Abkürzung. So können Sie den Text kurz halten und bieten dennoch die notwendigen Erläuterungen.
Bedenken Sie, dass Ihnen bekannte Abkürzungen anderen Menschen nicht zwangsäufig bekannt sein müssen. In Deutschland allgemein übliche Abkürzungen werden vielleicht fremdsprachigen Besuchern oder Besuchern aus anderen Ländern nicht bekannt sein.
Weitere wichtige Informationen zum Umgang mit Abkürzungen:
W3C, GmbH & Co KG.
Fremde Sprachen
Politische und kulturelle Ereignisse haben über die Jahrhunderte zur Vermischung der Sprachen geführt. Dabei wurden Begriffe aus fremdländischen Sprachen übernommen und mehr und mehr in die Umgangssprache eingebettet.
Viele der inzwischen dem deutschen Wortschatz zuzurechnenden Begriffe stammen aus dem französischen und englischen Sprachraum. Bei der Übernahme wurde sowohl Schreibweise wie auch Aussprache übernommen.
Beim Lesen solcher Wörter erfassen wir die Reihenfolge der Buchstaben optisch als Ganzes. Auf Grund unserer Erfahrungen schließen wir dann von dieser "Zeichenfolge" auf die Bedeutung des Begriffes. Dabei ist es nicht einmal notwendig, dass wir die korrekte Aussprache des Wortes kennen. Uns reicht in dem Fall das "Aussehen" des Wortes um es zu verstehen.
Menschen mit Sehbehinderung und Blinden fehlt diese optische Wahrnehmung. Dank der Blindenschrift (Braille) können sie die Texte aber ertasten. Auf Grund der Punktstrukturen erkennen sie Buchstaben und Wörter und schließen darüber auch auf Bedeutung und Inhalt.
Inzwischen sind Computer in der Lage, auf dem Bildschirm befindliche Texte vorzulesen. Dies trifft natürlich auch für die Texte auf Web-Seiten zu.
Dafür gibt es spezielle Vorleseprogramme: Screen Reader und Sprach-Browser.
Was macht nun solch ein Programm? Es "erkennt" ähnlich wie der Mensch die Buchstabenfolge und erzeugt daraus einen synthetischen Klang, den wir als Sprache verstehen.
Solange das Programm die Worte findet, die man ihm "beigebracht" hat, wird es auch die Wörter halbwegs verständlich vorlesen. Was aber, wenn ein "deutsch sprechendes" Programm auf unbekannte Begriffe stößt? Begriffe, bei denen sich Schreibweise und Aussprache unterscheiden?
Das Programm wird in dem Fall versuchen, die Buchstaben zu erkennen und sie nach den Regeln deutscher Sprache so gut es geht aneinander zu reihen.
Aus dem französischen Wort "Engagement", dessen Aussprache den Menschen in der Regel bekannt sein dürfte, wird dann ein "en ga ge ment", aus dem englischen "Web Design" wird "weeb de si gen".
Da die Sprache nur eine flüchtige Information ist, muss der Hörende aus dem Klangbild eines Wortes sofort auf die Bedeutung schließen können. Er verbindet also nicht das optische Schriftbild mit der Bedeutung, sondern den Klang. Daraus entsteht die Notwendigkeit, fremdsprachige Begriffe korrekt vorlesen zu lassen.
Dazu muss man lediglich dem Vorleseprogramm den Sprachwechsel mitteilen. Es schaltet dann in die entsprechende Sprache um und liest das Wort in der Landesprache vor.
Noch sind allerdings nicht alle in diesem Zusammenhang stehende Probleme gelöst. Ältere Vorleseprogramme beherrschen den Sprachwechsel noch nicht, und auch auf Seiten der Computer-Technik sind noch Verbesserungen möglich.
Wie man die Sprachauszeichnungen vornimmt, warum nicht alle Worte zwingend auszuzeichnen sind und was es noch zu beachten gibt, können Sie in dem Beitrag
"Ist das Deutsch?" nachlesen. Dort finden Sie auch praxisnahe Audio-Beispiele.
Audiobeispiele, Zusammenfassung:
Sprachwechsel (MP3 48 KB)
Weiterführende Informationen
Allgemeine Anforderungen an Web-Texte:
Barrierefreiheit und "leichte Sprache"